Die Schlagzeilen der vergangenen Woche stimmen mich nachdenklich – ja, vielleicht mache ich mir sogar Sorgen. Ob es um diesen unsäglichen SOPA-Act in den USA geht oder um die Schließung von mega-upload in Neuseeland.
Was mich bekümmert, sind nicht die Handlungen an sich. Schon immer gab und gibt es Lobbygruppen aller erdenklichen Denkrichtungen, die die Welt in ihrem Sinne beeinflussen wollen. Das ist der Preis eines freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaats. Und wenn er funktioniert, gibt es gegenläufige Tendenzen. Wenn er funktioniert, gibt es eine gemeinsame Grundordnung, auf der man sich bewegt und innerhalb der man seine Interessen durchzusetzen versucht. In der Summe kippt die Waage mal leicht in die eine, mal leicht in die andere Richtung.
Was mich bekümmert ist, dass beim Thema Urheberrecht vs. Internetzensur ein Schwarzweißdenken dominiert. Eine Trennung in Gut und Böse wie in einem billigen Hollywood-Blockbuster. Gefangen in den Grabenkämpfen ist eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema aber schwer. Denn wer nicht eindeutig auf der einen Seite steht, muss auf der anderen Seite stehen und bekämpft werden.
Es ginge um den Schutz des Urheberrechts sagen die einen. Es geht um Zensur und Beschneidung unserer Freiheit schreien die anderen. Dabei ist die Sache meines Erachtens so einfach nicht:
Klar ist, dass in Deutschland wie in vermutlich vielen anderen Ländern auch, die Urheberrechtsgesetze der technischen Entwicklung hinterherhinken. Die einen nutzen das für zweifelhafte Geschäftsmodelle, indem sie Geld verdienen mit illegal erworbenen Produkten. Andere nutzen es, um Abhängigkeiten zu schaffen oder ihre Gewinnspannen zu sichern. Wieder andere, wollen Harmloses kriminialisieren. Oder rechtfertigen Kriminielles als harmlos. Alles nicht im Sinne der Erfinders.
Das Urheberrecht (in Deutschland) bzw. Copyright (in angloamerikanischen Ländern – hier USA) dient zunächst mal dem Schutz geistigen Eigentums. Die genauen Regeln sind, wie die Gesetze national. Eine internationale Harmonisierung wäre in Bezug auf das Internet sicher von Vorteil.
Es ist eine Mär, dass die Gegner bestehender Urheberrechte bzw. Copyright-Regelungen nur die „großen bösen“ der Unterhaltungsindustrie bekämpfen. Hinter jedem Werk steht ein Mensch, der es geschaffen hat. Und die überwiegende Mehrheit der Urheber, deren Rechte verletzt werden, sind freie Autoren, Journalisten, Fotografen, Musiker, Schriftsteller, Zeichner, Seminarleiter und viele andere kleine Einzelunternehmer, die ihre Seele, ihre Kreativität und viel Zeit und Mühe investieren, etwas schaffen und versuchen, davon (oft mehr schlecht als recht) zu leben. Denn auch ohne den Klau über Copy&Paste haben sie oft einen schweren Stand. Was für gewerkschaftlich organisierte Branchen selbstvertändliche Rechte sind, klingt für viele der hauptberuflich Kreativen wie aus einer anderen Welt. So jedenfalls hier in Deutschland.
Sie haben es oft mit übermächtigen Auftraggebern zu tun. Egal, ob sie DumontSchauberg, Zeitverlag, WDR oder RTL heißen. Häufig zwingen sie den Urhebern Verträge auf, die sie mit einer Einmalzahlung abspeisen und bei denen sie jegliche Verwertungen abtreten müssen. Die Machtverhältnisse sind oft so, dass die Urheber wenig ausrichten können. Nur ein starkes Urheberrecht kann sie vor weiterer Entmachtung und einem Totalausverkauf schützen.
Hier habe ich eine Seite gefunden, die viel zum Urheberrecht in Deutschland erklärt und ein paar Beispiele aus dem Bereich der Seminarwelt zeigt, wo es missbraucht wurde.
Es ist eine Mär, dass ich für die Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken immer Geld bezahlen muss. Aber man braucht immer die Einwilligung des Urhebers, der nach eigenem Ermessen Nutzungsrechte seiner Werke vergeben kann. Diese kann er auch verschenken oder gegen einen Link oder Namensnennung weitergeben. Ganz wie es der Urheber/die Urheberin mag. Nach meiner Erfahrung vergeben viele der oben genannten Leute großzügig Nutzungsrechte gegen Links/Namensnennung, wenn es um private oder soziale Nutzungen geht. Sie reagieren aber empfindlich, wenn sie ein unerlaubte Nutzung feststellen.
Diesen Text zum Beispiel: Wenn mich jemand fragt, ob er ihn auf seine Seite stellen dürfte, dann würde ich mir die Seite angucken und wenn ansonsten nichts dagegen spricht und es sich um eine private Seite handelt, würde ich gegen eine Namensnennung und Verlinkung auf meine Seite eine Nutzung erlauben, ob den ganzen Text oder Ausschnitte, müsste ich mir dann im Einzelfall überlegen.
Unzweifelhaft gibt es Beispiele, wo das Pochen auf Urheberrechte bizarre bis absurde Züge zählt. Als Beispiel fallen mir PapaKlum ein, der Blogger schon wegen der Nennung des Namens seiner Tochter verklagt, und der Württembergischen Fußballverband, der Hartplatzhelden verklagte, weil sie Leuten die Möglichkeit gaben Filmchen von Amateurspielen auf ein Portal hochzuladen. Am Ende hat die Vernunft gesiegt: Hartplatzheldenurteil-Bundesgerichtshof; wie es bei PapaKlum ausging, weiß ich nicht.
Unzweifelhaft gibt es bei den aktuellen Ereignissen Versuche, die Anpassung der internationalen Urheberrechtsgesetze dazu zu missbrauchen, die eigene Macht auszubauen und sich vor unliebsamen Konkurrenten oder Widersachern zu schützen. Und unzweifelhaft müssen wir aufpassen, dass uns hier unter dem Vorwand, das Urheberrecht schützen zu wollen, nicht Zensur und das genaue Gegenteil ins Gesetz geschrieben wird.
Aber gerade deswegen macht mir das Ganze ja so Sorgen. Denn wer sein Weltbild in Freund und Feind definiert, ist nicht mehr in der Lage zu einer sachlichen Auseinandersetzung und zu einem Kompromiss im Dienste der Sache. Die Sache ist für mich ein freiheitlicher, demokratischer Rechtsstaat, der auch das geistige Eigentum seiner Bürger schützt und ihnen Meinungsfreiheit, unternehmerische Freiheit und überhaupt viel Freiheit gewährt – immer auf Basis der Allgemeinen Menschenrechte.
Das ist jetzt heute ein sehr ernstes Thema. Aber eines, das mir wirklich am Herzen liegt.