Ich bin ja vor allem dem Emil noch einen Beitrag schuldig. Just, als die Fußballweltmeisterschaft der Frauen losging, gab es auf meinem Blog eine heiße und interessante Diskussion über das Wort “Mannweib” oder “Mannsweib” und Diskriminierung und Political Corectness und all so’n Zeugs. Ich habe versprochen, dem Wandel der Sprache ein eigenes Post zu widmen. Dem will ich heute nachkommen.
Sprache lebt. Sie ändert sich. So wie sich die Gesellschaft verändert. Neue Wörter kommen hinzu. Alte Wörter bekommen neue Bedeutungen. Wörter und Bedeutungen geraten in Vergessenheit. Manchmal geht das schleichend, manchmal ganz schnell. Das gilt nicht nur für Begriffe und Sätze, sondern auch für Grammatik.
Der Konjunktiv etwa verschwindet seit Jahrzehnten langsam aus der deutschen Sprache. Ich hülfe dir, stünde dies in meiner Macht, ist zwar korrekt. Klingt aber für heutige Ohren meist seltsam. Ich las Herrn P. mal die Originalausgaben von Erich Kästner vor und mir fiel dieser häufige Konjunktiv extrem auf. Und es gab Wörter, die ich nicht mehr kannte. – Ja – auch das Imperfekt gehört zu den bedrohten Arten deutscher Grammatik.
Das Wort “Neger” stand 1965 noch selbstverständlich im Spiegel und war keineswegs abwertend gemeint. Das war schlicht die Bezeichnung für einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Deswegen hieß die schokoladenüberzogene Zuckermasse auf Waffel ja auch “Negerkuss”. Mit der Zeit bekam das Wort neben der deskriptiven, eine wertende Komponente. Heute wissen wir, dass dieses Wort – egal wie es gemeint ist – von schwarzhäutigen Menschen als Beschimpfung und Abwertung empfunden wird. Deswegen verwenden wir es nicht, wenn wir niemanden kränken oder verletzen wollen.
Verbrannt sind hierzulande viele Worte, Sätze und Symbole, die mit dem Nazideutschland in Verbindung gebracht werden. Jüngst durfte das Heiner Geißler erfahren, als er heftige Kritik einsteckte für seinen Satz “Wollt ihr den totalen Krieg?” im Zusammenhang mit der kompromisslosen Haltung, mit der sich die Konfliktparteien bei Stuttgart 21 gegenüberstehen. Die Worte an sich sind nicht ungewöhnlich, der Satz für eine derart verhakten und kompromisslosen Konflikt auch nicht. Aber: Es ist ein Goebbels-Spruch. Eine ähnlich aufgeladene Wirkung entfaltet der Satz “Arbeit macht frei”, der durch den Einsatz als Toraufschrift unter anderem im Konzentrationslager Dachau eine sehr zynische Bedeutung bekam.
Der Begriff “Peanuts” bezeichnete hierzulande in den 80er Jahren einerseits die Comicserie um die erdnussförmigen Figuren von Linus bis Snoopy oder war Englisch für Erdnüsse, bis zum 21. April 1994. Damals bezeichnete Hilmar Kopper als Vorstandssprecher der Deutschen Bank 50 Millionen Mark offener Handwerkerrechnungen im Zusammenhang mit dem Immobilien-Schneider als Peanuts. Münte gab dem Wort Heuschrecke 2005 eine neue Anwendung.
Auch das Wort “Weib”, um das es bei der Diskussion in meinem Blog unter anderem ging, hat einen schleichenden Bedeutungswandel erfahren. Ob es heute negativ konnotiert ist, hängt vom Zusammenhang ab. Wenn eine Gruppe Frauen sich trifft und selbst von ihrem Weiberabend spricht, sicher nicht. Auch im Begriff “Weiberfastnacht” oder “Weiberdonnerstag” schwingt keine Abwertung mit. Wenn der Kerl seine Frau mit Weib anspricht, wohl in der Mehrheit der Fälle schon. Auch wenn Kerle von Weibern sprechen, ist das häufig negativ konnotiert. Ähnlich ist das bei Begriffen wie “schwul”, “Tunte” etc. Hängt davon ab, wer es wie zu wem sagt.
Der Begriff “Mann(s)weib” spricht einer Frau die Weiblichkeit ab und ist immer negativ konnotiert. Hier kann ich keine neutrale Bedeutung erkennen. Gleiches gilt für den Begriff “Schwuchtel” oder “weibisch” für einen Mann.
Neuerdings geraten auch Wörter wie “Eskimo” in Veruf. Da staunte die mayarosa erstmal ahnungslos. Was ist denn am Eskimo schlecht? Dann wird ihr erklärt, “Eskimo” hieße wörtlich “Fischfresser”. Da verstand die mayarosa, warum sich ein Innuit (so die korrekte Bezeichnung selbiger Volksgruppe) nicht gerne als Eskimo bezeichnen lässt.
Sicher kann man diskutieren, wo die Grenze übrschritten wird und respektvoller Ausdruck (neudeutsch: Political Correctness) zur albernen Farce wird, weil man nicht mehr sagen darf, was ist. Keine Frage. Zu viel von etwas ist immer Mist.
Letztens thematisierte der Duden in seinem Newsletter die Frage “Wie kommt ein Wort in den Duden?” Antwort: Der Duden wertet in erster Linie aus, wie Sprache gebraucht wird. Tritt ein neues Wort häufig genug und bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf, hat es gute Chancen in den illustren Kreis der Dudenwörter zu gelangen. Neuzugänge sind hier zum Beispiel: Parallelwelt, Castingshow. Political Correctness ist im Duden ebenfalls aufgeführt.
Ich kreire manchmal selbst neue Worte. So bezeichne ich Berlin Prenzlauer Berg, dort insbesondere das Bützeviertel und den Kollwitzplatz oder Hamburg Ottensen oder das Kölner Agnesviertel gerne als “Latte-Macchiato-Viertel” und die Spaßkicker, bei denen auch Herr P. bis vor kurzem mitgemacht hat, als “Latte-Macchiato-Verein”. Bisher hat noch jeder verstanden, was gemeint ist. Im Duden ist das allerdings (noch) nicht verzeichnet
Über das Muttertier zur Latte-Macchiato-Gesellschaft hat der Duden aber immerhin schon mal in seinem Newsletter berichtet.



Interessant zu lesen!
Mich wundert ja immer wieder, dass es, im Gegensatz zum Negerkuss, dem Zigeunerschnitzel bisher noch nicht an den Kragen ging.
Danke
“Zigeuner” gerät derzeit ebenfalls in Veruf. Die Roma lehnen den Begriff als diskriminierend ab. Mehr zum Wort “Zigeuner” http://de.wikipedia.org/wiki/Zigeuner
das wundert mich jetzt fast, dass die latte-mütter noch nicht im duden stehen.
ein schöner beitrag. mit den neger/mohrenköpfen tue ich mich jedoch bis heute schwer. man sagt jetzt schaumküsse oder so…
Danke. Freu.
Vielleicht liegt es an meinem Duden, Ausgabe von 2006. Im 2011er ist die Macchiatomama bestimmt drin
Mit den Negerküssen geht es mir genauo. Ehrlich gesagt möcht’ ich mir auch nicht das Zigeunerschnitzel nehmen lassen.
(off-topic: letzter kommentar am 6.8. bei mir zu frau l.s geburtstag)
Danke für den interessanten Artikel, mayarosa!
Gerade in der mittelhochdeutschen (Schrift-)Sprache gibt es viele neutral oder positive konnotierte Wörter, darunter auch “weib”, die heute eine negative Bedeutung besitzen. Etwa “List”, was früher auch Klugheit/ein kluges Vorgehen bedeutete und mit dem Weisen in Verbindung gebracht wurde. Heute besitzt die List ja etwas Hinterhältiges, Gemeines.
Wobei, so sicher bin ich mir da nicht. Schließlich ist das oft auch eine individuelle Erfahrung und auch mit den ältesten Wörtern wird heute noch gespielt. Mit vermeintlichen Beleidigungen, oder auch mit vermeintlichem Lob.
Die Nuss
Danke für die tolle Ergänzung. Ich glaube, wir können uns nie so ganz sicher sein, ob der Empfänger die Bedeutung unserer Worte so aufnimmt, wie wir sie gemeint haben.
Was Ottensen angeht, ist der Begriff inzwischen sehr zutreffend. Trotzdem lieben wir unseren Stadtteil.
Ich hab in meiner Zeit im Bioladen für mich auch den Begriff der Ökomuttis geprägt (der aber vermutlich gar nicht neu ist). Eine sehr spezielle Sorte Mamas, die mir oft sehr speziell tierisch auf den Senkel gegangen ist, vor allem in der Paarung Öko-Walddorf Muttis.
Grins. Mag Ottensen. Und ich liebe mein Agnesviertel. Und es stimmt schon: So bestimmte Sonderausgaben der Spezies können ziemlich nervend sein.
Na ja, speziell beim “Neger” läuft allerdings die spät-68er Linke mit der Vetreufelung des Begriffs der Entwicklung in US-Amerika hinterher. Den bei Hans Leip verblüffenderweise gar nicht abwertend gebrauchten “Nigger” kennen wir alle als Schimpfwort – aber aus der amerikanischen Literatur. Von Mark Twain angefangen.
Die Krönung der Entwicklung war, daß man auch den Afrikaner in Europa als “Afroamerikaner” zu bezeichnen hätte.
Ich hab mit meinem kamerunesischen Kollegen vor einigen Jahren schon drüber gesprochen. Er fand den Afroamerikaner total daneben und meinte, er hätte es durchaus lieber, wenn einer mit positivem Ton von Negern spräche als mit diesem bestimmten Unterton “Afrikaner” sagte. Die Rassisten mache man schon lange nicht mehr an der Wortwahl aus, sondern am Ton.
Und als Ausländer im Ausland muß ich das bestätigen: die Gemeinheiten kann man nicht mehr am Wortlaut festmachen, die liegen im Tonfall. Und in bestimmten Anspielungen, an denen für sich genommen nichts auszusetzen ist, aber in der Art, wie sie vorgetragen werden und in der bestimmten Situation, sind sie äußerst verletzend.
Wie kommt es eigentlich, daß der Mann nicht die gleiche Verschiebung durchgemacht hat wie das Weib? “Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an”, heißt es in der Zauberflöte. Die Frau gehört zum Herrn, die Dame zum Seigneur, das Weib zum Manne. So wars von Anfang, und so wars richtig.
Und heute ists anders…
Ah! Wolfram! Dein letzter Absatz: Das ist’s, was auch ich immer sage!
Aber da haben sich die Feministinnen durchgesetzt. Während aus dem Weib in der Ehe die Frau (also das in der Rangordnung höherstehende Wesen wurde), blieb der Mann, was er war.
Ich bedaure die (wahrscheinlich spezifisch deutsche) Dummheit, einmal verbrannte Worte in Zukunft um jeden Preis vermeiden zu wollen. Und ich bedaure die Verschandelung der deutschen Sprache, die mit dem – boah, welche inhaltsleere Worthülse! – “Gender Mainstreaming” einhergeht …
Lieber Emil,
ich verstehe, dass du diesen Wandel schade findest. Aber so ist es nunmal. Die Welt verändert sich und die Sprache mit ihr. Nicht nur in Deutschland. So wie Shakespeare würde heute auch kein Brite mehr reden. Und das Wort “Blitzkrieg” hat Mitte des vergangenen Jahrhunderts Einzug in die englische Sprache gehalten.
Auch das Wort “Feministin” hat einen Bedeutungswandel erfahren. So wie du es verwendest, klingt es negativ. Das war nicht immer so. Früher wäre es vielleicht eine Anerkennung gewesen für eine Frau, sich als Feministin bezeichnen zu lassen, heute wird es eher beschimpfend oder beleidigend verwendet.
Zurück zum Weib: Abwertend verwendet wurde der Begriff “Weib” von Männern. Und ehrlich gesagt finde ich es sehr normal, wenn sich Bevölkerungsruppen dagegen wehren, sich beschimpfen oder beleidigen zu lassen.
Dass Afrikaner Afroamerikaner genannt werden sollen, davon habe ich noch nie gehört. Wäre ja auch Quatsch. Afrikaner sind keine Amerikaner, egal, ob schwarz, weiß oder bunt.
Warum das Weib einen Wandel durchgemacht hat und der Mann nicht? Hm. Vielleicht weil Termiten im Gegensatz zu Heuschrecken auch keinen Bedeutungswandel erfahren haben? Der Seigneur ist ja mehr oder weniger ausgestorben. Insofern passt es ja wieder: Dame und Herr. Frau und Mann. Und die Zauberflöte, die ist ja schon ein paar Jährchen her, außerdem ist das österreichisch