Hach, wie können wir uns doch aufregen. Was sind das für Menschen, die wegen eines harmlosen Werbespots übereinander herfallen?
Stein des Anstoßes: Dirk Nowitzki und eine Werbespot für eine Bank, in dem er in seiner unterfränkischen Heimat von der drallen Dorfmetzgerin eine Scheibe Fleischwurst bekommt, als Erinnerung an die Kindheit, in der es die Scheibe immer mit den Worten gab, damit er groß und stark werde.
Und das hat jetzt nicht etwa die Gesundheitsapostel auf den Plan gerufen, die Angst haben, Menschen könnten alle so stark und rund werden wollen, wie die Verkäuferinnen hinter der Wursttheke in dem Spot. Nein, radikale Vegetarier und Veganer sind auf die Barrikaden und beschimpfen die Bank und Wurst-/Fleischesser im Allgemeinen. Die schießen zurück.
Laut taz ging es hin bis zu Hitler- und Goebbels-Vergleichen. Der Stadtanzeiger zitiert einen philosphisch-religiösen Eintrag: “Die Zeit wird kommen, da die Menschen die Tiermörder mit gleichen Augen betrachten werden wie jetzt die Menschenmörder” – ist klar jetzt. Kopfschüttel. Und eine Entgegnung: “Ihr seid es, die meinem Essen das Essen wegnehmen … Pflanzenmörder.” Spätestens hier musste ich laut loslachen.
Wer’s gucken will, hier:
Beim Nachdenken darüber hat das aber auch einen ernsten Hintergrund:
Die einzige, die sich richtig freut, ist die werbende Bank. So ist ihr Name in aller Munde.
Und es zeigt, wie intolerant Teile unserer Gesellschaft doch geworden sind. Ich weiß, es gibt viele viele tolerante Menschen. Und doch ist der intolerante Teil, der die Welt nach seinem Sinn regulieren will, und bestrafen, wer zuwider handelt, sehr sehr laut. Das bekümmert mich.
Und noch meine kleine persönliche Meinung zum Essen:
Der Mensch ist biologisch als Allesfresser entwickelt, so wie Katzen Fleischfresser sind und Elefanten Plfanzenfresser. Das ist völlig in Ordnung. Wer kein Fleisch mag, soll es bleiben lassen. Wer es mag, soll es essen. Wer sagt uns eigentlich, dass eine Pflanze nicht leidet, wenn wir ihr Leben beenden? Der Mensch muss, wie jedes andere Lebewesen auch, essen, was gelebt hat. Steine sind einfach schwer verdaulich. Dabei wäre es gut, darauf zu achten, nur so viel zu zerstören/töten, wie nötig ist, um selbst zu überleben. Das gilt für Pflanzen- und Fleischfresser.
Die Tomaten und Auberginen in Almeria sind bestimmt nicht glücklicher als die Schweine in Niedersachsen.
Das Fleisch in mayarosas Haushalt kommt meist aus biologischem Anbau, weil dort die Tiere – so hoffe ich wenigstens – mit mehr Würde leben durften. Bei uns gibt es also wenig, dafür hochwertiges Fleisch und hochwertigen Fisch (auch hier habe ich angefangen, auf Label, wie nachhaltiger Fischfang zu achten). Obst und Gemüse kauen wir häufig regional.
Mein Fehler: Ich mag weder Knochen am Fleisch noch Fett. Bin der Filet-Typ und damit jemand, der dazu beiträgt, dass Hühner kaum noch stehen können, so dicke Brüste werden ihnen gezüchtet, egal ob Bio oder nicht. Deswegen kaufe ich Huhn nur noch ganz selten. Unsere Wurst, gestehe ich ehrlich, kaufe ich nicht nach Bio, sondern nach Geschmack. Ich habe nämlich – wie Nowitzki – eine fränkische Heimat. Und das können sie die Franken: Verdammt leckere Wurst machen. Da bin ich von klein auf verwöhnt.



Wer Fleischesser als Tiermörder bezeichnet und eine Zukunft voraussagt, in der diese genauso betrachtet werden wie heute Menschenmörder: Der muß dann auch von einer Zukunft träumen, in der man mit OP-Besteck, Antibiotika und Schmerzmitteln ins Grüne streift, damit kein Tier mehr leiden müsse. Zuzusehen, wie ein Rehlein von Parasiten gequält wird; wie ein kranker Frischling von einem Fuchs angefallen und noch halblebendig verspeist wird; wie eine Wespe ihre Eier in den lebenden Leib einer Raupe ablegt, damit diese das Wirtstier von innen langsam aufessen — das alles und noch viel mehr alltägliches Grauen zuzulassen wäre in dieser Vision dann wohl unterlassene Hilfeleistung, und die, die sich auf diese Art schuldig machen, würden in einer solchermaßen erträumten Zukunft wohl mit demselben Blick bedacht werden, wie heute Gaffer, die zusehen, wie ein Rentner zu Tode geprügelt wird.
Was ich mich auch öfter frage: Wie stehen Veganer eigentlich zum Leberegel?
Ich denke dass jeder sich so ernähren soll wie er es mag – und mit seinem Gewissen vereinbaren kann! Dass Pflanzen Schmerzen verspüren ist erwiesen, auch dass sie miteinander kommunizieren können. Dennoch esse ich meine selbstgezogenen Sprossen. Mit einer Art Ehrfurcht, wenn ich sehe, wie sich das Keimblatt aus dem Samen schält und wächst. Und mit dem Wissen, dass ich ein LEBENS-mittel esse und nicht einfach Nahrung. Huhn gibt es bei mir überhaupt nicht mehr, warum, ist ja gerade wieder in jeder Zeitung zu lesen. Mit MRSA habe ich beruflich genug zu tun, essen muss ich ihn nicht. Mein Fleisch kaufe ich bei unserem Bauern. Wurst esse ich nicht, dafür mein Mann um so mehr. Was ich immer wieder anprangere, ist die Tierhaltung in den Mastbetrieben.
Dafür gefällt mir die Nowitzki-Werbung
Du sagst es: Lebensmittel – ein Mittel aus/zum Leben…
Auf diese Weise (intolerant) wurden schon Kriege angezettelt. Und zwar die, mit religiösem Hintergrund. Man mag kaum glauben, gegen was die Menschen so sind und was sie alles aufregt.
Mobilfunkgegner sind auch so eine Spezies, die in Dörfern gegen Mobilfunkmasten demonstrieren, aber hinter ihren Flyer-Tischen mit Handy telefonierend stehen, um ihren Widerstand zu organisieren.
Es ist eben dann keine Frage der Toleranz oder Intoleranz mehr, wenn jemand etwas für grundfalsch (oder sogar verbrecherisch) hält. Tolerant können nur diejenigen sein, die Fleisch essen (weil es sie ja nicht stört, was Vegetarier essen oder nicht essen). Umgekehrt kann und darf es aber den Fleischverzichtlern, wenn sie aus moralischen Erwägungen handeln, nicht egal sein, daß andere Tiere essen: Weil es ihnen ja nicht um Geschmacksfragen geht oder um eine Beeinträchtigung, die ihnen selbst widerfährt, sondern um Leid, das anderen zugefügt wird. Und das können sie nicht unwidersprochen hinnehmen, wenn sie’s ernst meinen.
Ob sie mit ihrer moralischen Einschätzung überhaupt richtig liegen, ist natürlich eine andere Frage. Aber genau diese Einschätzung ist ja erst die Triebfeder ihrer Stänkerei.
Liebe/r Solminore, um in der Argumentation der politischen Vegetarier (also Anti-Fleisch-Fraktion) zu bleiben, dann dürfen Sie auch keine Pflanzen essen. Denen tun sie nämlich auch weh (wie Elvira schreibt, ist das sogar erwiesen). Und Sprossen erst. Dass sind ja sozusagen Pflanzenembryos. Geht also moralisch gar nicht.
Jemandem vorschreiben zu wollen, was er zu essen hat und was nicht, geht gar nicht.
Da ich sogar Tiere esse, habe ich mit dem Verzehr von Pflanzen (die mit Sicherheit keinen Schmerz empfinden können, dafür fehlt ihnen die morphologische Ausstattung) keine Probleme, würde nicht einmal (wenn ich sie vertrüge) vor dem Verzehr noch schotenwarmer Erbsenembryos zurückschrecken.
Ich esse ja auch Tiere und Pflanzen – sogar Sprossen
– wollte nur in der Argumentaion bleiben.
Darüber, was Pflanzen empfinden, erlaube ich mir kein Urteil. Früher ist man auch gefoltert und verbrannt worden, wenn man behauptet hat, die Erde drehe sich um die Sonne und nicht umgekehrt. Wir wissen trotz aller Wissenschaft so wenig, erkennen einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit. Das flößt mir stets tiefen Respekt ein.
“Darüber, was Pflanzen empfinden, erlaube ich mir kein Urteil. Früher ist man auch gefoltert und verbrannt worden, wenn man behauptet hat, die Erde drehe sich um die Sonne und nicht umgekehrt. Wir wissen trotz aller Wissenschaft so wenig, erkennen einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit. Das flößt mir stets tiefen Respekt ein.”
Genau. Genau. Genau!
Dem habe ich nur noch hinzuzufügen, dass unsere Bio-Hühnerbrust immer wesentlich kleiner ist, als die Supermarkt-Variante. Werden Bio-Hühner tatsächlich auch gepimpt? *hülfe*
Das mit den dicken Hühnerbrüsten liegt weniger am Impfen als vielmehr an der Zucht. Wenn wir nur Hühnerbrust kaufen und nie Schenkel oder Flügel, dann werden die so gezüchtet, dass sie nur noch Brust haben, kaum noch Flügel und Schenkel. Deswegen haben z.B. Schäferhunde häufig ein Rückenproblem, weil es auch hier bestimmte ästhetische Vorstellungen gibt, wie so ein Deutscher Schäferhund auszusehen hat.
Die sogenannte Pflanzen”neuro”biologie ist hochumstritten.
Wir sind beide Fleischesser. Aber wir gucken schon sehr genau wo es herkommt. Zum einen aus ethischen Gründen, zum anderen aber um unserer eigenen Gesundheit Willen. Antibiotika Hähnchen kommen hier nicht auf den Tisch.
Ich denke, man sollte schon bewußt Fleisch essen, aber ich mache ja auch niemandem seinen Tofu madig, den ich nie runterkriegen würde. Jeder so, wie er mag, aber auch mit Bewußtsein für das LEBENSmittel. Das gilt aber letztlich für alle Sachen, die wir essen und die uns NÄHREN sollen.
Ich glaube, wir sollten an dieser Stelle auch nicht das weiterführen, was Mayarosa heute anprangert. Darum halte ich es mit Frau Momo: Jeder sollte essen dürfen, was er will (gilt auch für andere Glaubensfragen), solange es nicht darauf hinausläuft, andere unbedingt missioniern zu wollen oder gar fundamentalistisch wird.
Was diese Werbung betrifft, muss ich gestehen, dass ich die einfach nett fand, sie mir ein Lächeln entlockte und ich hinterher nicht mal wusste, was da eigentlich beworben wurde.
Im übrigen erinnert mich diese Debatte ein klein wenig an die Raucher-Nichtraucherdiskussionen, wer wen belästigt, wer auf wen Rücksicht nehmen muss.
“Im übrigen erinnert mich diese Debatte ein klein wenig an die Raucher-Nichtraucherdiskussionen.” Mich auch
Genau: Da geht es auch nicht um Toleranz. Kann es auch gar nicht.
@Solminore. Wieso geht es da nicht um Toleranz? Um was denn sonst?
Toleranz = leben und leben lassen bzw. andere Meinungen/Lebensweisen akzeptieren. Die eigenen Interessen auch mal zurückzustellen.
Ach, und wenn nun jemand kleine Kinder verspeist? Sind Sie dann auch tolerant? Oder wenn jemand über die rote Ampel fährt — Toleranz gegen Verkehrssünder? Oder der Umweltschutz — Toleranz gegen Leute, die Müll in den Wald kippen? Anderen vorschreiben, was sie mit ihrem Müll machen, geht gar nicht? Sie werden einwenden, daß das ja alles verboten sei. Klar, aber nicht alles, was erlaubt ist, ist auch richtig. Den Partner zu betrügen ist auch erlaubt. Richtig wird es der Gehörnte dennoch nicht finden. Ich denke, Sie stimmen mit mir darin überein, daß Toleranz dort aufhört, wo jemand körperlich oder ideell zu Schaden kommt. Nach Ansicht moralisch motivierter Vegetarier kommen Tiere aber zu Schaden. Und es ist für einige dieser Leute nach eigenem Bekunden kaum weniger schlimm als Kinder zu essen. Deshalb werden moralisch motivierte Vegetarier von Aufrufen zur Toleranz nur noch wütender. Wenn Sie Kinderpornographie scheiße finden, und der Kinderficker mahnt Sie zu mehr Toleranz, wie finden Sie das? Für Sie mag es Privatsache sein, was jemand ißt. Für Tierschutzvegetarier emphatisch nicht. Für den Raucher ist es Privatsache, ob einer raucht. Für den Nichtraucher, der sich geschädigt sieht, nicht. Für den Autofahrer ist es Privatsache, wie sich jemand fortbewegt. Für den Klimaschützer nicht. Und das genau ist das Problem, das ich meine. Deshalb können Sie hier mit Appellen an Toleranz und Lebenlassen nichts ausrichten. Das geht an der Sache völlig vorbei, weil die gemeinsame Basis darüber, was überhaupt tolerierbar ist, nicht exisitiert. Sie können nur versuchen, mit Argumenten darzulegen, warum es vielleicht nicht verkehrt (und also im Bereich der Toleranz) ist, Auto zu fahren, zu Rauchen oder eben Fleisch zu essen.
Nachtrag: Mit der Schmerzempfindung die Pflanzen betreffend, habe ich mich natürlich nicht wissenschaftlich exakt, sondern oberflächlich, ausgedrückt. Ich müsste den Artikel suchen, in ihm ging es um Pflanzenneurobiologie.
Mit “gepimpt” (zugegeben: schlechte Wortwahl!) meinte ich eigentlich auch die Zucht.
Zum Glück sind die Brüste, die wir kaufen, wie gesagt immer winzig. Und manchmal kaufen wir auch Beine…
Ich glaube, ich wäre rein theoretisch gern Vegetarier. Nur praktisch haut das nicht hin. Dafür esse ich fast ausschließlich Bio – und dadurch automatisch weniger Fleisch, weil das recht teuer ist
Lach. Ich habe gedacht, das sei ein Tippfehler und habe glatt geimpft gelesen.
Es gibt übrigens tatsächlich Menschen, die aus moralischen Erwägungen nur zu sich nehmen, was Pflanzen “freiwillig” abgeben, also Früchte und Samen. “Frutarier”, wie man sie nennt.
[...] Die Posts zu den Themen hier im Blog: Bigotte Wulffdebatte – Radikale Raucherhatz – Veganer Kampf gegen Werbespot [...]