Ich hatte vor einiger Zeit schon mal geschrieben, dass mir diese ganze Wu(l)ff-Debatte ziemlich missfällt, nicht weil ich Wulff mag – mag ich nicht – hätte lieber Gauck gehabt. Und auch nicht, weil ich Vorteilsnahme, Klüngelei oder Amigos schonen oder verteidigen will – will ich nicht.
Mich nervt es, weil es so furchtbar bigott ist. Auch die Journalisten, die sich wie Kampfhunde in Wu(l)ffs Wade festbeißen, profitieren – nicht nur von einflussreichen Freunden, die der eine oder andere Wichtigwichtig-Journalist bei Springer, Spiegel und Co. mit Sicherheit hat. Selbst die einfachen Fußvolkjournalisten proftieren, weil sie von den Unternehmen als Multiplikatoren gesehen werden: Zum Beispiel hatte Air Berlin, so lange bis das Unternehmen hart an der Pleite vorbeischrammte, einen tollen Journalistentarif. Außerhalb der Ferienzeiten zahlten Journalisten über viele Jahre für Privatreisen nur 50 Prozent und das für zwei Personen. Natürlich habe ich das auch gerne genutzt. Und natürlich glaubte ich, sollte ich mal über Air Berlin berichten (was nie der Fall war), ich sei dennoch unabhängig. Wäre ich vielleicht auch gewesen. Denn in einen Menschen hineinsehen kann man von außen so schlecht. Und manche Dinge weiß man auch über sich selbst erst, wenn man sie durchgestanden und erlebt hat.
Das Springer-Flagschiff “BILD” taugt nicht als Moralkeule gegen den Karriereling “Wulff” – Da kann man ja gleich den Bock zum Gärtner machen. Was uns hier vorgeführt wird ist ein Volksschauspiel zur allgemeinen Aufregung und Beschäftigung der Bürger. Zwei mächtige Männer streiten. Einer will den anderen mit allen Mitteln vom Thron stürzen, an den sich der andere mit aller Macht klammert. Offiziell geht es um Integrität, Moral und Pressefreiheit. Offiziell. Um ein Aufregerthema zu haben. Was wirklich dahinter steckt (wer z.B. wessen Frau, Geliebte, Tochter angebaggert hat oder ob es schlicht um Quoten- und Auflagenaussichten des Aufregerthemas ging), werden wir vermutlich nie erfahren.
Joachim Frank geht der Bigotterie heute im Kölner Stadtanzeiger nach und schreibt “nichts macht die Doppelmoral so deutlich wie die Antwort von ZDF-Interviewerin Bettina Schausten auf Wulffs Frage, ob sie denn für die Logis bei Freunden bezahle. Aus ihrem ‘Ja’ machte Schausten zwei Tage später ein ‘natürlich nicht’.”
Ich wünschte mir mehr Sachlichkeit und eine Debatte über die wirklich wichtigen Dinge, zum Beispiel darüber, wie wir Transparenz leben und eine Intimsphäre schützen können. Was sind die Maßstäbe, an denen sich Politiker, Journalisten, aber auch ganz normale Bürger messen lassen müssen? In welcher Welt wollen wir leben? Und wie kann jeder bei sich selbst anfangen?



Im letzten Absatz hast Du es großartig auf den Punkt gebracht, worum es wirklich geht.
Danke.
Darüber will leider keiner laut reden, denn dann müsste man sich ja ernsthaft mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen. Aber vielleicht bin ich ja zu pessimistisch. Vielleicht kriegen wir ja bald diese Debatte.
Ja, inzwischen wird es immer offensichtlicher, dass es hier mal wieder um Machtrangelei und Ablenkung von den eigentlich wichtigen Themen geht. Daher habe ich inzwischen auch aufgehört, mich hier weiter drüber aufzuregen, wer was über wen verbreitet. Mein Vater hatte einen Spruch: “Steck beide in den Sack und schlag drauf. Du wirst immer den richtigen erwischen.” Erst wenn wir zu einer Umkehr dieser unsäglichen Regierei kommen, wo von unten nach oben regiert wird, dann werden wir auch diesen Blödsinn los sein.
Ich fürchte, um von solchen Schauspielen wegzukommen, müsste mehr passieren. Wir müssten aufhören, sofort mit dem Finger auf andere zu zeigen und bei uns selbst anfangen.
Wie immer einfach gut geschrieben, auch dieser Satz:
“Das Springer-Flagschiff „BILD“ taugt nicht als Moralkeule gegen den Karriereling „Wulff“ – Da kann man ja gleich den Bock zum Gärtner machen.”
Bei Michathecook habe ich dieses Video von NDR/X3 gesehen:
Link zu http://michathecook.wordpress.com/2012/01/12/christian-wulff-entschuldigt-sich-comedy/#comment-921
Das Video ist ja der Knaller, herrlich!
Mir geht die Sache um Wulff – und mittlerweile der Wulff selber – ziemlich auf die Nerven. Am Anfang kam es mir vor, wie eine Hexenjagt durch die Presse. Dann diese Scheinheiligkeiten des CW. Dann die B..D, und die Merkel und wer noch so alles, keine Ahnung. Was mag dahinter stecken? Geht irgendjemand der Wulff auf die Nüsse? Fühlt der jemand sich bedroht, fast könnte man es glauben aufgrund der Nachhaltigkeit der Geschichte. Ich bin weiss Gott nicht dafür, dass er zurück tritt. Er hat kein Gesetz gebrochen, sicherlich, sich mehr als ungeschickt verhalten. Aber wer weiss, wie sich jeder andere verhält, würde er so durchs Dorf getrieben.
Nun auch noch die Verdächtigungen um seine Frau. Wen würde das was angehen? Diese Verdächtigungen zu lancieren, lässt für mich keinen anderen Schluss zu, jemand will seinen Kopf. Aber warum? Wer ist dieser Jemand? Was hat er zu verstecken?
Das werden wir, lieber Notos, vermutlich nie erfahren.
Vielleicht ist es sogar ganz banal: auflagensteigerndes Thema in einer nachrichtenschwachen Zeit.
Ich finde schon, das die Presse hier wichtig ist und das die Fakten auf den Tisch gehören. Was Wulff sich hier leistet, geht einfach gar nicht und meiner Meinung nach hätte er längst zurücktreten müssen.
Die Rolle der Bildzeitung als Flagschiff des investigativen Journalismus ist natürlich pervers. Welche Zeitung hat denn Wulff mit ins Amt des Ministerpräsidenten gejubelt und geschrieben… klar, die Blöd.
Die will nun ihre Macht demonstrieren, die sie ja leider auch tatsächlich in diesem Land hat.
Es geht nicht darum, das Wulff sich ungeschickt verhält. Die Kreditangelegenheit könnte man schon als Vorteilsnahme im Amt verstehen, ein Straftatbestand.
Es geht auch nicht darum, ob nun keiner mehr bei Freunden übernachten darf. Das tue ich natürlich auch. Aber ich habe keinen politischen Einfluß und meine Freunde keine wirtschaftlichen – und keine Machtinteressen. Genau hier liegt nämlich der Hase im Pfeffer.
Liebe Frau Momo, auf jeden Fall ist die Presse wichtig. Und sicher ist es eine Debatte wert, darüber zu reden, wo Vorteilsnahme anfängt, was zulässig ist, was unmoralisch und was illegal. Das geschieht aber ja gerade nicht. Denn dann müssten sich viele, die jetzt gegen Wulff wettern, fragen: Wo werde ich vielleicht bestochen, beeinflusst in meinen Entscheidungen, indem man mir Vorteile gewährt?
Was die Legalität seines Verhaltens angeht, erlaube ich mir keine Vorverurteilungen. Hier gilt für Wulff das Gleiche wie für jeden Bürger dieses Landes: Hat er sich gesetzeswidrig verhalten, muss er dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Gesetzeswidriges Verhalten ist dem Angeklagten zu beweisen.
Natürlich gilt auch für Herrn Wulff die Unschuldsvermutung. Da er aber Immunität genießt, wird er sich keinem Verfahren stellen müssen.
Das bei der ganzen Diskussion auch andere Machtinteressen im Spiel sind, das es gute Gründe hat, warum sich die Opposition mit Rücktrittsforderungen sehr bedeckt hält, all das ist mir sehr wohl klar. Und trotzdem bin ich für seinen Rücktritt. Angriffe auf die Pressefreiheit gehen außerdem gar nicht, auch wenn sie gegen die Blödzeitung gehen. Und er gibt immer nur zu, was eh schon jeder weiß und hat ein schon sehr merkwürdiges Verhalten zur Wahrheit und zum Begriff Transparenz.
Liebe Frau Momo, ich glaube, wir sehen die Sache weitgehend ähnlich. Ich will auch nicht Wu(l)ff verteidigen und schon gar nicht sein miserables Krisenmanagement.
Mir geht nur diese ritualisierte Hechelei in den Medien auf’n Keks. Anstatt eine ernsthafte Debatte zu führen, regen sich alle furchtbar auf und danach ist business as usual.
Die Affairen rund um Herrn Wulff sind Symptome der politischen Kultur in diesem Staat. Wer, wie ich hier in Berlin, über feudalistische Strukturen an jeder Ecke stolpert, weiß was ich meine …
Der politischen und der medialen Kultur.
Stimmt! Wobei das eine mit dem anderen zeitweise verschmilzt. Frau Schaustens Übernachtungslacher ist wirklich nur ein Lächeln wert, im Gegensatz zu ihrem mimisch vor sich hertragenden schlechten Gewissen. Sie kennt schließlich die Gegebenheiten auf Norderney, ist sie doch extra mit dem Herrn Bundespräsidenten dort hingefahren, um ‘vor’ seinem Urlaub das Interview über den später stattfindenden Urlaub aufzunehmen.
Medien haben schon auch die Aufgabe der sozialen Kontrolle, das hier nun ausgerechnet die Bild-Zeitung das Feuerwerk eröffnete, ist in der Tat peinlich. Aber nicht nur für den Bundespräsidenten.
In Berlin sieht man täglich Presse und Medienleute lechzend hinter arroganten Politikern her stolpern oder aber sich labend an prächtigen Buffets. Und für so manches Schnittchen wird schon auch mal milde berichtet. Darunter leidet jede Objektivität und Sachlichkeit. Soziale Kontrolle durch die Medien ist aber notwendig in einer Demokratie. Der Schmusekurs führt unweigerlich in eine Postdemokratie, wobei man darüber philosophieren könnte, ob wir diese nicht bereits schon haben?
Liebe Grüsse aus Berlin
Nachtrag: In einem Newsletter bekam ich gerade diesen lesenswerten Kommentar zur Wulff-Debatte: http://www.pr-professional.de/content.php?siteid=321&contentid=1645
[...] Posts zu den Themen hier im Blog: Bigotte Wulffdebatte – Radikale Raucherhatz – Veganer Kampf gegen [...]