Es ist schon eigenartig. So viele Jahre wurde uns gepredigt: Privatisierung ist toll! Der Markt regelt alles. Jeder ist selbst verantwortlich und vor allem: sich selbst der Nächste. Jetzt, wo der Markt regeln will, quasi seinen ihm attestierten Job macht und verpennte Reformen bei großen Autokonzernen sowie übergroße Gier in Banken mit Insolvenz abstrafen will, jetzt soll Papa Staat die Kohlen aus dem Feuer holen. Feiern wir gerade das Comeback der Verstaatlichung und möchte Papa Staat unser Steuergeld mit beiden Händen aus dem Fenster schmeißen? Schließlich sind in diesem Jahr Bundestagswahlen.
Und wir, das Volk, die Steuerzahler, die kleinen Leute, wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Die Zeche zahlen wir. Entweder leben wir mit Massenentlassungen, Vermögensverlusten und einer Wirtschaftskrise, die sich unsere Generation noch gar nicht richtig vorstellen kann. Oder wir zahlen, nehmen einen späteren Vermögensverlust durch erhöhte Inflation in Kauf und belasten uns und unsere Kinder und Enkel mit noch mehr Schulden und ungewissen Risiken. Und haben dann vielleicht trotzdem eine Pleitewelle und Massenentlassungen, nur mit einem sehr viel engeren Handlungsspielraum, weil wir total überschuldet sind.
Mal ehrlich, wer hat so viel Kohle? Über die Verstaatlichung der Hypo Real Estate wird so lange geredet, bis das nächste Verstaatlichungsprojekt auf den Plan tritt, wie jetzt Opel. Passiert ist nix. Aus gutem Grund. Wir haben in den letzten Monaten gelernt, dass auch Staaten pleite gehen können.
Es ist irgendwie schon ironisch, dass ausgerechnet sozialdemokratische Regierungen in den 90er Jahren des vergangenen und Anfang dieses Jahrhunderts wirtschaftsliberale Reformen durchgeboxt haben und jetzt weitgehend wirtschaftsliberale Regierungen die Propheten der Verstaatlichung sind. Verdrehte Welt – oder doch nicht?
In meiner kleinen Welt ist es ganz einfach: Wenn ich hoch pokere und irre, dann wird es teuer. Pech gehabt. Deswegen gehe ich lieber nur Risiken ein, die meine Existenz nicht gefährden. Ein paar Euros auf der Seite, nicht so viele Schulden, so, wie es dem Bild des kleinen deutschen Spießers entspricht – ich muss gestehen, in Geldfragen bin ich extrem konservativ.
Ich bin auch selbständig und wenn ich Produkte auf den Markt werfe, die keiner kaufen will, Pech gehabt. Es ist meine Aufgabe, den Markt vorausschauend zu beobachten und meinen Laden entsprechend aufzustellen. Da hilft mir keiner. Und so geht es den allermeisten Unternehmen in diesem Land und in anderen Ländern und sie machen ihren Unternehmerjob gut.
Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir überlegen, in welcher Welt wir leben wollen und wer uns dabei wirklich unterstützt, diesem Ziel ein bisschen näher zu kommen. Und es ist an der Zeit, dass jeder von uns seine Verantwortung dafür im Rahmen seiner Möglichkeiten trägt.
Jeder von uns hat die Möglichkeit, die Welt ein kleines Stück liebevoller, verantwortungsbewusster und nachhaltiger zu gestalten. Jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten und Entscheidungen, die er jeden Tag trifft – und wenn es die ist, dass er bei den Discountern oder Herstellern, die den eigenen moralischen Vorstellungen Hohn sprechen, nichts mehr einkauft.
In den zahlreichen Wahlen dieses Jahr haben wir die Möglichkeit uns dafür einzusetzen, dass die Politiker und Parteien Mehrheiten bekommen, die sich für eine Welt einsetzen, die wir uns für uns, unsere Kinder und Enkel wünschen. Kneifen gilt nicht. Ich verstehe den Frust über Politik – habe ich auch oft. Ist zum Verzweifeln – und der Wahlkampf im Superwahljahr 2009 hat schon begonnen.
Wer aber schimpft, dass die Etablierten nicht mehr vertrauenswürdig sind, der soll es selbst besser machen. Die Freien Wähler in Bayern haben gezeigt, dass es geht. Und vor ungefähr 30 Jahren, Die Grünen.